Luis Gordillo
- Ich und Welt in Auflösung
Malerei und Photographie - beide erzeugen Bilder, ihr Weg zum fertigen
Ergebnis könnte aber kaum verschiedenartiger sein. Malerei entsteht
aus einer inneren, nach außen gelenkten Körperbewegung. Nach und
nach wird Farbmaterial Schicht um Schicht auf einer begrenzten Fläche
ausgebreitet. Dieser Prozess nimmt Zeit in Anspruch, die Zeit des
Machens und die Zeit des Überlegens bzw. Entscheidungen-Treffens.
In der Photographie hingegen wird ein Bild mittels einer Apparatur
und der außerhalb befindlichen Welt die Mannigfaltigkeit des Bildes
auf einen Schlag und in einem Augenblick produziert.
Die Malerei kann sich auf die äußere Welt zubewegen, indem sie versucht,
deren sichtbare Strukturen in eigene Körperbewegungen des geführten
Pinsels zu übersetzen und über Farbigkeitsgestaltung und Texturierung
des Farbmaterials die Welt im Bild nachzuahmen. Aber selbst solche
figurativen Darstellungen sind das Ergebnis innerer Entscheidungsketten
des Malers über seine Körperbewegung und die Benutzungsweisen des
Materials. Versucht der Maler diese innere Herkunft zu leugnen und
sich selbst in eine Maschine der photorealistischen Bilderzeugung
zu verwandeln, so sind unsere Fragen doch immer darauf gerichtet,
welche geistige und emotionale Konzentration die Bestandteile der
abgebildeten äußeren Welt neben ihrer bloßen Existenz zusammenhält.
Auch die Photographie kann sich den Selbstentäußerungen der Malerei
annähern. Zwar wird das Bild mechanisch erzeugt. Dem gehen aber
Entscheidungen voraus, die das Bild vom Normalpegel unserer Wahrnehmung
abweichen lassen können: der Zeitpunkt, der Ausschnitt (Bildbegrenzung),
die optische Perspektive, d.h. der Standpunkt des Kamera-Auges und
seine Fokussierung des Raumes in unterschiedlichen Schärfen-Ebenen,
sowie Licht- und Farbigkeit können jeweils entschieden werden.
Dennoch bleibt der Unterschied zwischen Photographie und Malerei
bestehen. Das photographische Bild setzt die mannigfaltigen Bestandteile
der äußeren Welt auf einen Schlag zusammen und baut auf die Fähigkeit
und Gewohnheit unseres Gehirns, diese Bestandteile angemessen zu
deuten. Die Malerei hingegen muss zuerst einmal sich selbst zum
Sprechen bringen. Sie muss ein Verständnis der komplexen Sprachmöglichkeiten
entwickeln, die sich aus der vielfachen Kombination ihres Basisalphabets
- Linie und Flächenstück - ergeben. Haben sich aus diesem Alphabet
"Wörter", d.h. visuelle Gebilde geformt, dann besteht der zweite
Schritt darin, die Wörter in syntaktische Strukturen, Sätze einzupassen,
d.h. die visuellen Gebilde so in einen Zusammenhang zu bringen,
dass man fragen kann, in welchem Verhältnis sie zur äußeren sichtbaren
Welt stehen und welche Aussagen der Maler über sie geformt hat.
In Gordillos Werk ist es in den letzten Jahren zu einer aufregenden
Durchdringung zwischen Malerei und Fotografie gekommen, bei der
die beiden Pole äußere Realität und innere Subjektivität ihre Eindeutigkeit
verloren haben. Sein komplexes Verhältnis zur Photographie möchte
ich an zwei entgegengesetzten Fallbeispielen jüngster Werke aufrollen:
dem Gemälde "Yo y Después" und der Photographie "Arboleda". Dabei
interessieren mich Gordillos Strategien der Dezentrierung, der Demontage
des Subjektbegriffs und der Auflösung einseitiger Realitätskonzepte.
Gordillos Resultate sind komplexe, paradoxe Wahrnehmungskonstellationen,
bei denen der wache Blick des Betrachters unendlich viel entdecken,
nicht aber die Verheißungen einer neuen Welt erwarten kann. Vielmehr
zeigt sich, dass die alte Welt noch ganz andere Selbstbespiegelungsmöglichkeiten
als bisher freisetzen kann und dass ihr Selbstporträt getragen ist
von dem Potential an Möglichkeiten, die sich aus ihren subtilen
Zerstörungen ergeben können.
Ausgangspunkt für das Bild "Yo y Después" ist ein früheres, kleines
Gemälde von Gordillo. Es zeigt einen aufgeblähten, fragmentierten
Kopf, dessen Mund- und Kieferpartie sich von Stirn und Nase leicht
gelöst haben. Gordillo hat dieses Bild aus unterschiedlichen Entfernungen
und Perspektiven photographiert, die Photos zeigen auch Wand und
Boden des Umraums. Aus dem fragmentierenden Zerschneiden dieser
Photos und dem überlappenden Zusammenkleben ist eine Photocollage
entstanden, die als kleines Modell für Yo y Después gedient hat.
Gordillo orientiert sich an diesem Modell, malt es jedoch nicht
mechanisch ab. Die Variationen in den Details bei den verdoppelten
Strukturen, die bewussten Unstimmigkeiten in den weißen Randzonen
und die Überlappungen in der Farbschichtung machen dies deutlich.
Am linken Bildrand dehnt Gordillo die Bildstrukturen auf eine Weise,
dass der weiße Bildrand der Photographie von der Malerei aus dem
Bild geschoben wird. Im Bereich der Überschneidungen der Collagestücke
führt er malerische Schatten ein - er verwendet sie nicht durchgängig
- um der Immaterialität der photographischen Oberfläche paradoxerweise
eine materialhafte Qualität zu geben.
Der aufgeblähte und im Zustand der Auflösung befindliche Kopf auf
dem Ursprungsbild beginnt mittels der photographischen Vervielfältigung
zu wuchern, so dass die Wiederholung dieser Auflösung zum Gegenteil
ihrer selbst wird; in der Verdoppelung, im Ineinander- bzw. Hintereinanderschieben
wird sie zu einem Modell für die fruchtbare Produktion neuer Möglichkeiten
in der scheinbar zerstörten Welt des menschliches Kopfes. Es ist,
als ob sich aus dem starren Schädel eine ungeahnte Vielfalt von
Dehnungen und Schrumpfungen ergeben könnten.
Das nur 30x40cm große Urbild ist aus dem Handgelenk gemalt. Die
Schnelligkeit der kleinen gestischen Setzungen erstarren bei ihrer
Vergrößerung, verlieren ihren Bezug zur Bewegung des Pinsels und
verselbständigen sich zu abstrakten Körperstücken.
Bei den weißen Segmenten, die das Bild durchziehen, kann man nicht
unterscheiden, ob sie die Überbleibsel der weißen Ränder der Photos
oder aber die Wand sind. In ihrer Vergrößerung werden sie zu großen
Schneidemessern. Auch bei den grauen Segmenten ist unentschieden,
ob es sich um einen neutralen Hintergrund, um einen Schatten oder
um ein Stück des Atelierbodens handelt, auf dem der Maler agiert.
Geht man von letzterem aus, bestünde eine unterschwellige Konfrontation
zwischen dem Raum, in dem der Betrachter das Bild wahrnimmt und
dem Raum, in dem der Maler das Bild erzeugt hat. Da der Atelierboden
sowohl oben wie auch unten im Bild erscheint, ist eine Orientierung
allerdings nicht möglich - das Bild könnte genauso gut auf dem Kopf
stehen.
Die Strategie des Zerstückelns, des vergrößernden oder verkleinernden
Kopierens und Wiederzusammensetzens kann man mit der seit längerer
Zeit in der Musik benutzten Strategie des Resamplens vergleichen.
Während dort aber die Beschränktheit der musikalischen Einfälle
bewusst wird, geht es Gordillo um die Zerschneidung der Plausibilität
einer übergreifenden Realität. Diese wird in der Photographie als
Illusion erzeugt, indem die Homogenität der photographischen Oberfläche
alles auf die gleiche Wirklichkeitsstufe hebt. Gordillo konfrontiert
die Vielfalt der photographischen Abbilder mit der prozesshaften
Vielfalt der eigenen Lebensbemühungen in der malerischen Handlung.
Hinter der Strategie des Resamplens steckt bei Gordillo außerdem
der Zweifel an der Tragfähigkeit oder Haltbarkeit einzelner subjektiver
Einfälle. Statt an den Einfall zu glauben und sich an ihm zu begeistern,
schickt Gordillo ihn lieber auf eine Zermürbungsreise. Sollte er
sie überstehen, lohnt es sich, mit ihm weiter zu arbeiten. Die Zermürbung
besteht in der planmäßigen Erzeugung des Zufalls im Rahmen bildlicher
Fragmentierungen. Im anschließenden Restrukturieren wird erst der
Möglichkeitsraum des Einfalls sichtbar, weil Abweichungen und Alternativen
mitanwesend sind, die aus den Überlagerungen und Beschneidungen
auftauchen. Gordillo erzeugt Möglichkeiten durch Dekomposition,
Entkontextualisierung und räumliche Staffelung.
Vielen Betrachtern wird in der ersten Wahrnehmung das ursprüngliche
Kopfmotiv gar nicht auffallen. Sie werden "Yo y Después" für eine
Mischung aus erfrorenen Flächensplittern und Matisseschen Scherenschnittformen
halten. Der Antagonismus von Rot- und Grünflächen wird im Vordergrund
stehen. Während Grün sich zu größeren Forminseln zusammenzieht,
scheint Rot dies Gefüge wieder zu sprengen. Allerdings haben die
einzelnen Flächen keine homogene Aktivität, sie changieren farblich
im Übergang von Warm- zu Kalttönen und umgekehrt. Gelbliches Grün
verändert sich unmerklich zu einem kalten Blaugrün, das orange Rot
zu einem Violett. Das den Außenbereich beherrschende Schwarz schnürt
beide zusammen. Es ist der Würgegriff, der sich um beide legt. Der
Würgegriff wird seinerseits attackiert von den weißen Randsegmenten,
die mit ihrer Geradlinigkeit hart ins Fleisch schneiden. Da den
Abschluss zur oberen bzw. unteren Bildkante lange grüngraue Keile
bilden, ist die Selbständigkeit der weißen Segmente nicht gesichert
- sie können ausgehebelt werden. Irrisierend wirken die wenigen
Hellblau-Schimmer, die an einigen Stellen hervortreten. Da die einzelnen
Farbflächen aber nicht nebeneinander liegen, sondern sich überschneiden,
erwartet man den Sieger in der oberen Schicht. Er ist aber nicht
auszumachen, - an unterschiedlichen Stellen reiten jeweils andere
Farben oben auf den Wellen der Fragmente. Dies macht das ganze Geschehen
noch schwankender und die abgemalte Realitätsbehauptung der Photographie
noch fragwürdiger. Gleiches gilt aber auch für die Malerei. Ihre
Innerlichkeit ist ausgetrieben, ihr Gestus erstarrt und an manchen
Stellen durchschnitten. Wie ihre einzelnen Stücke zusammenhängen
ist bewusst ambivalent und paradox.
Die Photographie scheint in der modellhaften Vorgabe den Ablauf
der Malerei zu steuern. In dem Maße, wie die Zeit, in der die Malerei
das Modell realisiert, sichtbar wird, in dem Maße bricht der Behauptungsanspruch
der Photographie auf die Sicherung des Augenblicks zusammen. In
dem Maße, wie die Malerei dem Modell in Form der graugrünen Schatten
eine fiktive Realität einräumt, in dem Maße bricht ihre homogene
Realitätsversicherung zusammen. Die Malerei trifft in der Realisierung
ihrer Fremdheit doch wieder nur auf sich selbst.
In der Arbeit "Yo y Después" ist der Ausgangspunkt und das Ergebnis
Malerei. Im Prozess der einzelnen Schritte der Bilderzeugung und
der Bildentscheidungen spielt die Photographie eine entscheidende
Rolle. Sie agiert auf einen Schlag und ist Vervielfältiger, Veränderer
und Zerstörer von Zusammenhängen. Wenn sie in das sukzessive Wachsen
der Malerei eingreift, dann sind ihre Eingriffe radikal und doch
kann Malerei überleben.
In der Arbeit "Arboleda" vollzieht sich der Transformationsprozess
genau umgekehrt. Der motivische Ausgangspunkt ist eine mit einer
Kleinbildkamera aufgenommene Landschaft. Im Vordergrund sehen wir
den Ausschnitt eines älteren, sich in der Breite verzweigenden Baumes,
dahinter eine von Licht überstrahlte Fläche. Dass es sich um die
obere Fassade eines Hauses handelt, ist kaum wahrnehmbar. Die Fassade
stellt sich als eine ins Unkörperliche sich auflösende Erscheinung
dar. Lediglich die orange Rasterstruktur im unteren Teil wird man
in Kenntnis der Umstände als Fenster interpretieren. Durch die starke
Überstrahlung hat die photochemische Entwicklung das Silber der
Fassade ins Violett, den Holzton der Fensterlamellen in eine orange
Lichterscheinung verändert. Gordillo liebt die schlechte Farbigkeit
der billigen Massenreproduktion mit ihren unvorhersehbaren Verfälschungen.
Realität wird darin willkürlich transformiert und erhält mitunter
etwas Fiktionales. Den Kleinbildabzug hat Gordillo dann mit einer
Metallspitze in freien, sich selbst überlassenen und ungeplanten
Bewegungen so zerstörerisch traktiert, dass er die Oberfläche weggeritzt
und den darunter befindlichen Papierträger freigelegt hat. Der malerische
Gestus scheint auf der Oberfläche zu liegen und ist doch die Einkerbung
im Untergrund. Das verletzte Photo hat er dann wieder photographiert
und davon zwei Großbildabzüge herstellen lassen und sie übereinander
gesetzt.
Gordillo konfrontiert in diesem Typus neuer Arbeiten auf paradoxe
Weise äußere Realität mit innerem Körpergefühl. Beide Pole sind
im Ausgangspunkt verändert. Die äußere Realität hat abstrakte und
fiktionale Züge angenommen. Die Körpergestik - befreit von einer
planenden Zielrichtung - nimmt in ihrer starken Vergrößerung und
bezogen auf ihr Umfeld Qualitäten eines kosmischen Geschehens an.
Die Dichtigkeit und die Bewegungsaktivität der Linien wirkt wie
ein Gewitter der Luft, wie ihr vernehmbares Zittern. Die Luft, unser
Atmen macht sich sichtbar und hat sich schneidend scharfe Kanten
zugelegt. Sie wird zum Medium von Baum und Haus, das Medium der
Vielfalt und Ungerichtetheit der Lebensaktivitäten. Dieses All-Over
ist nicht zentriert, keine subjektive Setzung, sondern ein bildübergreifendes
Geschehen. Die Verdoppelung in Form der beiden Bildtafeln macht
dies nur noch evidenter und verstärkt den Auflösungsprozess von
innerer Bewegung, äußerer Natur und heimischer Schutzhülle. Der
Künstler setzt sich in seinem eigenen Umfeld frei - der Baum steht
zwischen seinem Atelier und seinem Haus. Seine Entgrenzung ist nicht
nur die der eigenen Subjektivität, sondern auch die einsinniger
Realitätskonzepte.

Rolf Hengesbach
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