DIETER KIESLING
interessiert sich für Erscheinungen, die entgegengesetzte Interpretationsmöglichkeiten
in sich verdichten. Er bringt sie in Videoinstallationen, Skulpturen
und in jüngster Zeit verstärkt in Photoarbeiten zum Ausdruck. Er
benutzt recht unterschiedliche Herangehensweisen, um diese Verdichtung
zu erreichen, so dass die Arbeiten ein breites Spektrum an Themen
und Methoden aufweisen.
Der Betrachter ist zuerst von der Magie des sinnlichen Ausdrucks
angezogen. In der visuellen Entschlüsselung stößt er dann auf gegensätzliche
Lesarten, die in einem Dialog zueinander stehen. Fasziniert von
der sinnlichen Verschränkung der Gegensätze versucht man zwar, sie
voneinander zu trennen, ohne sie jedoch auflösen zu können. Man
ist dabei immer wieder erstaunt über die Einfachheit der Phänomene,
die Kiessling in seinen Arbeiten zum Schwingen bringt.
Die Photoarbeit ‚Apostel' zeigt als Motiv den Oberkörper einer steinernen
Heiligenfigur. Die Abbildung scheint aus der Überlagerung verschiedener
photographischer Schichten zu bestehen. Zuerst vermutet man, dass
die Heiligenfigur durch perspektivische Verschiebungen belebt worden
ist. Unterschiedliche Kamerastandpunkte könnten die Illusion virtueller
Drehbewegung erzeugt haben. Die eingehendere Betrachtung des Bildes
zeigt uns, dass diese Deutung nicht zutreffend sein kann. Insbesondere
die Mundpartie der Figur hat eine Schärfe und Einheitlichkeit, die
keinen Anhalt für perspektivische Verschiebungen ergibt.
Die Überlagerungen sind besonders markant in der äußeren Silhouette
der Figur. An ihnen erkennt man, dass es sich hier um eine Überlagerung
unterschiedlicher, aber ausdrucksmäßig sehr ähnlicher Figuren handelt.
Tatsächlich ist die Arbeit aus dem photographischen Übereinanderschichten
der acht Heiligenfiguren an der Eingangsseite der Kathedrale von
Rouen entstanden. Trotz der Verschiedenheit der dargestellten Figuren
stellt sich ein Kerngesicht heraus. Dieses hat jedoch nicht - wie
man erwarten würde - das Unspezifische eines Phantomgesichtes, sondern
es trägt den Ausdruck konzentrierter, innerer Versenkung. Der kompakte
Stein gewinnt in der photographischen Überlagerung eine Transparenz,
die seine Materialität in eine Nähe zur menschlichen Haut und ihrer
Verletzlichkeit rückt. Aus dem leeren Weiß des Umfeldes schraubt
sich ein Kopf in stiller Würde und Güte heraus, der uns eine Ahnung
von unserem Bezug zu einer anderen Welt vermittelt.
Eine ganz andere Arbeit ist die Photoarbeit des Quadratmillimeters.
Ein Quadratmillimeterkästchen auf einem Millimeterpapier ist ein
äußerst unscheinbarer Gegenstand. In unsere alltägliche Wahrnehmung
ragt er gerade soweit hinein, dass wir ihn zum erleichterten Zeichnen
von Linien und Grenzverläufen benutzen. In einem kurzen Augenblick
wird er während des Zeichnens passiert und schon ist er vergessen
und untergegangen in dem Heer kleiner Kästchen auf einer Seite.
Solche Kästchen sind uns vielleicht überhaupt nur in markanter Erinnerung,
weil sie eine Ordnung und Regelmäßigkeit repräsentieren, die im
Kontrast zu unserem eigenen Ordnungssinn und Verhalten während der
Schulzeit stehen.
Dieter Kiessling mußte zuerst eine eigene Optik und Beleuchtungseinrichtung
wie für ein wissenschaftliches Experiment bauen, um sich auf einen
solchen winzigen Fleck konzentrieren zu können. Seine photographische
Aufnahme hat er dann auf die tausendfache Größe des ursprünglichen
Kästchens gebracht. Die kleine Markierung, die ursprünglich so gut
wie keine Ausdehnung hat, ist eine große Fläche geworden. Was ursprünglich
geprägt war durch den Kontrast zwischen einer fast nicht wahrnehmbaren
Fläche und ihrer markanten Eingrenzung kippt nun in sein Gegenteil.
Der scharfe Begrenzungsrand ist aufgeweicht, die Fläche hingegen
ist so angeschwollen, dass sie aussieht, als müsste sie mit einem
Verband im Zaum gehalten werden.
In dem Sprung in eine andere Dimension ist ein neuer Betrachtungsraum
entstanden. War der Quadratmillimeter bisher nur Begrenzung, ist
er in der Vergrößerung zu einem Bild von einem bisher nicht wahrnehmbaren
Innenraum geworden. Die Fläche ist nicht plan, sondern ein plastisches
Gewebe aus Fasern. Das Bild des Millimeterkästchens verneint genau
das, was man vorher von ihm erwartet hat, nämlich eine Fläche zum
Zeichnen zu sein. Das Zeichenpapier wird als vergrößertes Bild zu
etwas Verhülltem. Die Fläche wird zu einem Raum diffuser Richtungen,
der seine funktionale Bestimmung verloren hat und wie ein eigenbefindliches
Gewächs oder organisches Gewebe aussieht.
Der Ausgangspunkt der Videoarbeit "Mädchen" ist ein gefundenes,
kleines Guppenphoto der Schüler einer deutschen Mädchenschule aus
dem Jahre 1904. Dieter Kiessling hat dieses Photo hochauflösend
eingescannt und dann am Computer eine Kamerafahrt simuliert. Der
Focus der Kamera ist auf die Größe eines Gesichtes eingestellt und
mit dieser Einstellung tastet sie das Photo ab. Sobald das Gesicht
eines Mädchens sich im Mittelpunkt des Bildes befindet, hält die
Kamera ihre Fahrt jeweils für einen längeren Augenblick an, bevor
sie die Fahrt zu dem Gesicht des nächsten Mädchens fortsetzt. Sie
tastet das Photo nicht nach einem äußeren Ordnungsprinzip - z.B.
entlang der in vier Reihen aufgestellten Mädchen - ab, sondern wählt
einen von Gesicht zu Gesicht sich ändernden, für den Betrachter
unvorhersehbaren und - auf den nächsten Augenblick bezogen - offenen
Weg. Mal bewegt sie sich horizontal, mal vertikal, mal diagonal.
Man erwartet, dass die Verschiedenheit der Gesichter, des Alters,
des Ausdrucks, des Outfits, der Selbstdarstellung die Periode eines
Durchganges durch das Photo offensichtlich macht. Dies ist jedoch
nicht der Fall. Der ernsthafte Gesichtsausdruck dominiert derart,
dass alle Nuancen der Verschiedenheit in den Hintergrund geraten.
Es gibt kein freundliches Lächeln, keine individuelle Pose, keine
Abgrenzung vom Nachbarn. Man kann nicht einmal feststellen, ob es
noch Mädchen oder schon Frauen sind. Das Bedrückende der Abfolge
der Gesichter findet seine Steigerung darin, dass auf den Gesichtern
der jungen Mädchen etwas Greisenhaftes haftet. Ist in ihrem Ausdruck
etwas von dem vorweggenommen, was sie in den nächsten vierzig Jahren
in der Form von zwei Weltkriegen erwartet? Ist hier das Leiden eines
erst kommenden Lebens antizipiert und auf einen Augenblick verdichtet,
sind die vielen Möglichkeiten der Zukunft auf die mögliche Katastrophe
hin abgedunkelt. Der Betrachter deutet den Gesichtsausdruck der
Mädchen als Erwartung der Zukunft. Andererseits sieht er an den
Kratzspuren auf der Oberfläche das Alter des Photos. Er blickt von
seinem Standpunkt aus in eine Zukunft wie auch in die Vergangenheit.
Die Arbeit "Mädchen" scheint sich mit der Paradoxie zu befassen,
dass die Zukunft offen und gleichzeitig von etwas Unbeeinflussbaren
geformt ist und insofern die Tragik des erst kommenden Lebens ausgedrückt
werden kann.

Rolf Hengesbach
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