AXEL LIEBER "Bakery" 27.9. - 29.11.03

Ausgangspunkt für die Arbeit "Bakery" ist ein etwa 10 cm großes Modellhaus, dessen einzelne Teile Axel Lieber vergrößert nachgebaut hat. Das Miniaturhafte des Ausgangsmaterials wurde in seiner Vergrößerung auf eine Ebene mit dem menschlichen Körper gebracht, - die größten Teile erreichen die Länge des menschlichen Oberkörpers und die kleinsten Teile sind noch fingerdick. Lieber hat statt Kunststoff das organische Material Holz gewählt, und er hat die Teile koloriert. In einem weiteren Schritt hat er ein neues Ordnungsmodell dieser Teile entwickelt. Statt sie nach dem ursprünglichen Bauplan zusammenzufügen, lässt er sie voneinander wegstreben: Wie wenn ein Wirbelsturm in das Haus geraten wäre und die Teile auseinander getrieben hätte, so werden wir des Augenblicks ansichtig, in dem die Teile sich zwar voneinander getrennt haben, aber für einen kurzen Moment eine neue, abstruse Verbindung miteinander eingegangen sind, bevor sie sich im nächsten Moment vollständig verselbständigen und die Einheit auflösen.

Seit den fünfziger Jahren gibt es Kunststoffmodellhäuser als Spielzeug. Kompliziertere Objekte unserer Lebenswelt kann man sich mit ihnen anschaulich vorstellen. Die Unterschiedlichkeit der Materialien und ihrer Funktionen in der Wirklichkeit werden bei den Modellen auf Unterschiede der äußeren Form und der Farbe reduziert. Spielt der funktionale Zusammenhang der Teile im wirklichen Leben die entscheidende Rolle, kommt es bei dem Modell nur auf das Zueinanderpassen der Formen an. Deswegen können die Modelle auch in ganz unterschiedlicher Reihenfolge montiert werden. Am Anfang schreckt die Vielheit der Teile, man hat Angst, den Überblick zu verlieren. Hat man aber den Dreh heraus, für jedes Teil seinen entsprechenden Nachbarn zu finden, entwickelt sich bald der Optimismus, man könne die Dinge beherrschen, wenn man nur mit dem Zusammenfügen der Teile hinreichend geschickt ist.

Auch die Kunst benutzt bestimmte Materialien, formt sie und versucht, in diesen Formungen Beziehungen zur Wirklichkeit zu entwickeln. Das Verhältnis der Beziehungen der Kunstwerke zur Welt ist allerdings im Laufe ihrer Geschichte immer distanzierter geworden und beruht nur dem äußeren Anschein nach noch auf Nachahmung und Zusammenfügen von Formen.
Unsere Welt wird immer komplexer und das Bedürfnis, an Hand von Modellen Sachverhalte zu simulieren, nimmt zu. Der Reiz daran ist, mit etwas verhältnismäßig Einfachem wie den begrenzten Unterschieden der Teile in einem Modell der Komplexität der Realität ein Stück weit nahe zu kommen. Im Zuge dieser Entwicklung ist auch das Interesse der Kunst, sich mit Modellen zu beschäftigen, immer größer geworden. Die Kunst zitiert Modelle, sie entwickelt eigenständige Modelle oder sie bespiegelt Modelle. Entweder kokettiert sie mit dem Ganzheitsanspruch der Modelle, ironisiert oder destruiert ihn.
Architektur kommt im Modell nur als Hülle zum Vorschein, die mittels tradierter Gliederungen und ornamentaler Applikationen Raum abschließt. In der Destruktion der Hülle verwandelt Axel Lieber auch andere Charakteristika von Architektur: weder bleibt die auf einem Fundament ruhende hierarchische Statik der Geschosse und des Daches erhalten, noch erhalten sich die Trennungen und Zuordnungen von offenen und geschlossenen Flächen, von Innen- und Außenseiten. Die Teile verselbständigen sich, sie werden transparent, ihre verschiedenen Seiten werden gleich wichtig. Über die drehbare Aufhängung von "Bakery" fällt der eindeutige Sichtstandpunkt weg, Architektur verwandelt sich in skulpturale Multiperspektivität.
Liebers Werk ist von der Strategie der Fragmentierung, der Entkernung von vorhandenen Strukturen getragen. Seine bildhauerische Arbeit besteht darin, aus unserer alltäglichen Welt Dinge aufzugreifen und sie auf eine Weise zu befragen, dass das ihnen innewohnende Fremde oder Andere hervorgekehrt wird, dass das eigene Paradox zum Vorschein kommt. Aus der Fragmentierung der Dinge lässt Lieber neue, sich selbst tragende Strukturen oder Substanzen herauswachsen. Lieber interessiert sich daher für die Pop-art, die aus dem ungeheuren Pool an Vorstellungen und Formen prägnante Klischees aufgreift und verschärft. Andererseits ist aber auch seine Nähe zur Minimal Art fühlbar, die die Vielfalt der möglichen Eingriffe auf einfache, elementare und multiplizierbare Handlungen reduziert.
Liebers "Bakery" nimmt Bezug auf ein Haus und gleichzeitig bricht es die Vorstellung von gegliedertem Raum und tradierter Form auf. Es ironisiert die Formbestandteile, indem es sie auf das grobe Raster eines Modells bezieht. In der freien Ordnung der Teile erzeugt es einen offenen, dynamischen Raum mit vielfältigen, gegenläufigen Bewegungsmöglichkeiten. Im Spannungsfeld zwischen dem russischen Konstruktivismus mit seinem Vordringen in das Potential dynamischer Strukturen und den sedimentierten Kitschvorstellungen des gemütlichen Heims ist Liebers Arbeit nicht nur Destruktion von Architektur. In der Beziehung des Größenmaßes der Teile auf den menschlichen Körper ist sie zugleich auch Konstruktion neuer Körperräume und Bewegungsformen. Obwohl die Arbeit selbst durch ihre Positionierung in der Mitte des Raumes und durch ihre Aufhängung an einem Punkt den Blick zentriert, ist es dem Betrachter nie möglich, die sehr unterschiedlichen Ansichten der Arbeit von den unterschiedlichen Seiten zu einer Deckung zu bringen. Der Betrachter erfährt mithin sich selbst als aufgehend in multiperspektivischen Körperräumen.

Rolf Hengesbach

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