Anthony McDonald

Anthony McDonald hat vor einigen Jahren die Fenster seines Studios bis auf eine golfballgroße Aussparung verdunkelt und so seinen Arbeitsraum in eine Lochkamera (camera obscura) verwandelt. Die mannigfaltige und sich ständig verändernde Er-scheinungswelt draußen bildete sich seitenverkehrt und auf dem Kopf stehend mit weichen Konturen auf Wänden, Decke und Boden ab. McDonald interessierte sich für die bildlichen Qualitäten, die durch die weichen Konturen und die daraus resultieren-de Ungreifbarkeit der abgebildeten Dinge entstanden. Er war gefangen von der pa-radoxen Situation, dass sich die Geschehnisse der Außenwelt in einem Behälter ein-fangen lassen und sich im ganzen Raum ohne Rücksicht auf die architektonische Unterteilung von Wand, Decke und Boden ausbreiten. Wie in einem Wahrnehmungs-labor interessierten nicht mehr die physische Körperlichkeit der Dinge, sondern ihre Sichtbarkeit als farbige Erscheinungen auf der Wand. Das Unspektakuläre und Bei-läufige der konkreten Dinge des Alltags verschwindet vor dem Hintergrund ihrer Verschmelzung in einen lichthaften Gesamtzusammenhang. Beraubt von abgrenzen-den Konturen und aufgelöst in einen Erscheinungszusammenhang verlieren sie den Charakter einzelner Ereignisse und konstituieren stattdessen ein Bild von dem Atmo-sphärischen der einen sichtbaren Welt.
Anthony McDonalds gemalte Bilder vereinen eine Reihe der an der Lochkamera-Erfahrung aufweisbaren Phänomene: Das Bild eines Dinges kann sich in verschiede-ner Weise von dem Ding entfernen, es kann sich bis zu einer unkörperlichen Flüch-tigkeit von ihm weg entwickeln. Das Bild nimmt zwar an dem Abgebildeten Maß, die daraus resultierenden ‚Kleider' können aber sehr unterschiedlich sein. Bilder vermes-sen das Abgebildete, greifen dabei aber nur Teilaspekte auf und unterwerfen das Ausgangsding einer anderen Objekthaftigkeit. Man kann die Welt auch direkt auf Bilder übertragen, Spiegel und Kameras eignen sich als Hilfsmittel dafür. Sie fokus-sieren auf ein Objekt, stellen es in den Mittelpunkt. Sie blenden den Kontext aus, indem sie das Objekt vom Rest der Erscheinungsmannigfaltigkeit durch die Schär-feneinstellung und durch den Bildausschnitt abtrennen und es auf der umgrenzten Fläche stillstellen. Zugleich aber berauben sie es seiner Körperlichkeit und bringen es in die Abhängigkeit zur Körperlichkeit des Betrachters.
McDonald hat sich Mitte der neunziger Jahre bildlich mit Gegenständen beschäf-tigt, die als Mittel oder Medium dienen, um etwas über Dinge herauszufinden, sei es sie einzuordnen oder sie darzustellen: Maßstäbe, Zollstöcke, Spiegel, Glasplatten, Projektionsleinwände. Dies alles sind Gegenstände, deren eigene dingliche Eigen-schaften keine markante Rolle spielen, die aber trotz ihrer Unscheinbarkeit andere Dinge von sich abhängig machen, weil sie etwas von ihnen zur Darstellung bringen.
Anthony McDonald malt diese Dinge in realistischer Weise (trompe d' oeil). Er bil-det sie aber nicht in traditionellen Bildformaten ab, sondern er baut jeweils Bildkör-per, die dem abgebildeten Ding in seiner Form entweder sehr nahe kommen oder die die Funktion des Dinges an sich vorführen. Zum Beispiel umspannt er lange schmale Hölzer mit Leinwand und bemalt sie derart, dass auf ihnen bildlich die Skala einer Maßeinteilung wie bei einem großen Zollstock sichtbar wird. Diese Skala wird nicht in makelloser Weise dargestellt, sondern es werden an ihr Benutzungsspuren durch die Malerei sichtbar gemacht, so dass das Bild zu einem erprobten Maßstab wird.
Eine andere Gruppe von Bildern sind boxenartige Bildkästen, auf die er als gemal-tes Bildmotiv einen Spiegel oder eine Glasplatte "legt", wodurch er den eigenen Bild-körper zur Selbstbespiegelung freigibt. Auf den ersten Blick nimmt der Betrachter vielleicht nur farbige Flächen, Linien und Punkte wahr. Man erkennt an den Rändern dieser Flächen dunkle Punkte, die wie die Köpfe von Nägeln aussehen. Es sind Nägel, wie man sie früher zum Befestigen der Leinwand am Keilrahmen benutzt hat. Die grünen Linien am Rande der Boxen haben genau den Farbton und die Dicke von Glasscheiben. Das Braun der Flächen ist das typische Braun, welches die Rückseiten von Spiegeln haben. Fängt man an, die gemalten Flächen als Glas- oder Spiegel-scheiben oder als bespannte Keilrahmen zu deuten, dann wird offensichtlich, dass McDonalds Bilder die Welt und gleichzeitig auch sich selbst bespiegeln.
Die akzentuierten Flächen befinden sich primär nicht an der vorderen, sondern an den Seitenflächen der Boxenbilder. Sie sind auch nicht immer in der exakten Waage- oder Senkrechten: Die Projektion und Reflexion der Welt geschieht nicht frontal und nicht dort, wo man sie erwartet. Sie geschieht unvermittelt und sie ist nicht auf be-stimmte Normen oder Maße ausgerichtet. Sie ist darin ähnlich der Stimmung, die uns überkommt und die - wenn es eine schlechte Stimmung ist - uns den Boden unter den Füßen entzieht oder - bei einer optimistischen Stimmung - das Unwahr-scheinliche in den Bereich des Möglichen rückt.
Die farbige Flächen sind nicht bloß Sehfelder nach außen, sie sind auch Membra-nen nach innen, emotionale Befindlichkeiten. Sie haben deswegen zumeist auch eine andere Textur oder einen anderen Glanz. Sie sind nicht homogen. Sie atmen die Schwankungen unserer selbst und des Gewichts der zurückliegenden Geschichte und ihrer Verweise.
Platziert man die "Bildboxen" an der Wand, so nehmen sie gegenständliche Züge an. Sie wirken nicht wie eine Darstellung von etwas, sondern eher wie etwas, das darauf wartet, etwas anderes aufzunehmen, vergleichbar einem Regalbrett, das darauf wartet, gefüllt zu werden. Sie suggerieren eine abstrakte Benutzbarkeit.
McDonald gelingt es mit seinen Bildobjekten, zwischen Dinge und ihr Erscheinen zu treten. Sie vermitteln keine Darstellung der Welt und auch keine Darstellung des Scheins, sie reflektieren im wörtlichen Sinne etwas von dem Schein, sie werfen ihn zurück, indem sie ihn gegenständlich werden lassen. Sie entziehen sich der Festle-gung auf Bildlichkeit. Sie sind nicht das bildliche Gegenüber des Betrachters.
Sie benutzen einerseits mit liebevoller Sorgfalt Mittel der malerischen Darstellung, zugleich artikulieren sie die dingliche Vergänglichkeit und die Materialität des Ma-chens. Sie sind eins mit den Dingen, mit welchen sie es zu tun haben: mit dem Spie-gel oder dem Maßstab. Sie verbleiben wie ihre dargestellten Dinge in einer Gegen-wart. Ein Maßstab überlebt die Gegenwart des jeweiligen Messens, ein Spiegel über-lebt seine Spiegelbilder. Maßstäbe und Spiegel ignorieren die Ereignisse die mit ih-nen stattfinden. In der Weise, wie sie sich von anderen Dingen unterscheiden, unter-scheiden sich McDonalds Bilder auch von anderen Bildern. Seine Bilder konstituieren ein Zwischenreich, zwischen den Erscheinungen, uns und unseren Wahrnehmungen.

In McDonalds Arbeiten gegen Ende der neunziger Jahre nimmt das Motiv des Fensters eine wichtige Rolle ein. Dieses Motiv steht bei McDonald nicht für den Blick in die Welt, sondern für einen Blick, der auf sich selbst, auf den eigenen Standort zurückgerichtet ist. Dies steht in einem Zusammenhang mit der Problematik des Sehens. Wir sehen die Dinge nicht einfach, weil sie im Licht dastehen, sondern weil sie das Licht reflektieren und dieses reflektierte Licht durch unsere Augenlinse auf die Netzhaut trifft. Die Differenzen in der Irritation der Netzhaut werden von uns zu dinglichen Vorstellungen entfaltet. Das Fenster ist bei McDonald das Medium zwi-schem dem, was in der Welt sichtbar ist und dem, was wir in unserem Kopf zur sichtbaren Welt formen. Das Fenster trennt das große, offene Gehäuse der Welt von dem Gehäuse unseres Kopfes, in dem wir zwangsläufig die Dinge vereinfachen müs-sen. Fenster haben eine einfache Einteilung. Dieser Einfachheit entspricht die Ein-fachheit des Sehens. Fenster atmen etwas von dem Staunen darüber, dass uns das Sehen gelingt.
McDonalds Fenster-Bilder haben entweder einen boxenartigen Bildkörper oder sind auf einen Keilrahmen mit an den Rändern roh belassener Leinwand gemalt. Das Volumen des boxenartigen Bildkörpers entspricht unserer Körpertiefe. Es ist, als ob durch das gemalte Fenster die Welt langsam und zart in unseren Körper eindringt.
Bei den Bildern auf Keilrahmen ist die unbemalt gelassene Leinwand an den Bildrän-dern augenscheinlich. Sie hat den Charakter eines Stoffes. Aus Stoffen machen wir Kleider, die das Menschengehäuse umhüllen. Die Farbe der benutzten Leinwand entspricht einem blassen Hautton. Hier ist es nicht das körperliche Gehäuse, sondern die Poren der Haut, durch die die Welt in uns eindringt.
McDonald benutzt wasserlösliche Farben und Lacke. Häufig verwendet er "house paint", die für den Innen- und Außenanstrich von Häusern, Türen und Fenstern be-nutzt wird. McDonalds Farbpalette fällt besonders ins Auge, wenn man durch Eng-land fährt - Heimat und Lebensort des Künstlers. Häuser schirmen uns gegen das Außen ab und sind auf unsere körperlichen Proportionen und Bedürfnisse zuge-schnitten. Häuser, Wohnungen sind Stellvertreter unseres körperlichen Daseins. Bewegen wir uns in ihnen, bewegen wir uns bei uns selbst und öffnen uns zugleich gegen das Außen. Es ist die Bühne, die uns für das Außen proben lässt. Dies ist bei Kindern vielleicht nur offensichtlicher als bei Erwachsenen. In diesem Bühnenraum bildet sich schon ein Teil der Welt ab.
Anthony McDonald beschäftigt sich in seinen Bildern mit Wahrnehmungsphänomenen. Er malt nicht die Dinge, die man sieht, er malt das Medium, durch das uns etwas sichtbar wird. Er interessiert sich für das Licht, das von den Dingen reflektiert wird, er beschäftigt sich mit dem Schatten und den Spiegelungen von Dingen, ihn interessiert die Frage, was es für die Malerei selbst bedeutet, diese flüchtigen Phänomene einzufangen und auf einer Landwand festzuhalten. Ist die Leinwand nur eine Projektionsfläche, denkt das Bild über diese Erscheinungen nach oder vereinigt nicht gerade erst das Bild die Mannigfaltigkeit der äußeren Welt in einen homogenen Erscheinungsraum?


Rolf Hengesbach

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