Walter Obholzer
interessiert sich für die Bedeutung von Oberflächen in unserer heutigen
Welt. Im 20. Jahrhundert hat sich die Tendenz, Dinge rein von ihrer
Oberfläche her wahrzunehmen, zunehmend verstärkt. Die Oberfläche
fast aller Produkte wird heute designt. Parallel dazu hat auch die
immer größere Bedeutung der Printmedien dazu beigetragen, die Fokussierung
auf Oberflächen weiter zu erhöhen. Zwar erspart uns die bloße Beschäftigung
mit Oberflächen die Mühe der Auseinandersetzung mit dem "Inneren"
der Dinge. Andererseits werden uns die Dinge selbst dadurch immer
ferner. Der Dschungel der Oberflächen läßt uns nicht mehr sehen,
was sich im einzelnen hinter ihnen verbirgt, welchen Platz etwas
hat und was miteinander zusammenhängt. Die menschliche Haut ist
auch eine Oberfläche, sie kann jedoch nicht von uns wegrücken. Sie
ist die Schutzhaut, in die wir eingewickelt sind, sie ist unsere
Grenze zum Äußeren der Welt und läßt etwas von unserem organischen
Inneren sichtbar werden. Sie ist das, was wir von uns selbst verspüren,
wenn wir auch nur die geringste Bewegung machen und sie ist dasjenige,
über welches wir hinwegstreichen, wenn wir uns selbst berühren.
Das natürliche Bedürfnis nach der selbstvergewissernden Selbstberührung
ist aber in zunehmendem Maße von unseren anderen Oberflächenerfahrungen
beeinflußt. In dem Maße, wie wir auf das Oberflächendesign fixiert
sind, sehen wir uns selbst als Designmöglichkeit; und je mehr wir
von der Kälte der bloßen weltlichen Oberflächen gebannt werden,
desto mehr finden wir nicht mehr zu unserer eigenen Haut zurück.
Die eigene Haut wird uns kalt.
Immer wieder haben sich Künstler mit dem Verhältnis von menschlicher
Haut und der Malhaut beschäftigt, die Stofflichkeit unserer kleidungsmäßigen
Hautumhüllungen mit der Stofflichkeit der Leinwand in Beziehung
gesetzt. Jedoch ist noch kein zeitgenössischer Künstler in so reflektierter
Weise auf die Veränderung und die Entfremdung des Verhältnisses
von menschlicher Haut zur Oberflächenhaftigkeit der Welt eingegangen
wie Walter Obholzer und keiner hat wie er dieses Verhältnis aus
einer Umkehrung der Distanzen aufgearbeitet. Äußerlich bemerkbar
ist dies schon an der Kälte und Härte des von ihm benutzten Malträgers
Aluminium, der unserer Haut völlig wesensfremd ist. Aber auch in
der Erscheinungsweise seiner Malfarben (wässrige Temperafarbe),
in seiner Malweise/Maltechnik (einer komplizierten Mischung aus
Luftpinsel-, Pinsel- und Schleifmalerei) wie auch in der bildlichen
Ausarbeitung seiner Motive hat er diese ganz andere Erfahrung von
Oberfläche im fortgeschrittenen 20. Jahrhundert durchdrungen.
Die Ansicht der Einladungskarte gibt zunächst Rätsel auf. Auf
welche Wirklichkeit verweisen die Liniengespinste? Bilden sie etwas
in Realgröße, verkleinert oder vergrößert ab? Sind es abstrakte
seismographische Temperierungen eines komplexen, sich überlagernden
Systems? Für eine Interpretation als räumliche Struktur mit unterschiedlichen
Tiefen gibt es keine Anhaltspunkte. Die flächigen Linienverläufe
lassen sich auch nicht als ein Ineinander oder als Überlagerung
von Positv- und Negativformen deuten und es scheint zu keiner Kommunikationsentwicklung
zwischen den Linien zu kommen. Ist es eine freie launige Rhythmuszeichnung,
Linien fangen an, setzen sich eine Weile fort, brechen ab? Gibt
es ein Zentrum, einen heimischen Ort auf der Fläche? Weil die Orientierung
einiger gezackter Linien in einer Biegung nach rechts verläuft,
erinnert dies vielleicht an die Verfremdung oder Stilisierung der
Hautlinien einer Hand.
Tatsächlich handelt es sich bei dem Liniengespinst um die Konturen
von Farbverläufen eines Ausschnittes aus einem 170x131cm großen
Bild von Walter Obholzer. Die Grenzziehung der Linien läßt die Schichtung,
die Überschneidung, die Konstitution eines Gefüges von farbigen
Flächen nicht mehr durchscheinen. In Obholzers Werk gibt es von
Anfang an diesen bewußten Kontrast von Zeichnung und Malerei. Die
Konstitution der Malerei aus den Strategien der Lenkung von flüssiger
Farbe, aus dem komplexen wechselweisen Übereinanderströmenlassen
von Flüssigkeiten ist etwas anderes als die Setzung einer Formkontur.
Dieser Unterschied spielt in Obholzers Arbeiten eine entscheidende
und reflektierte Rolle. Strömen, die fließende Geste des Malens
ist in unterschiedlichen Stilisierungsformen immer wieder selbst
Bestandteil der Bildmotive seiner Arbeiten gewesen. Auch bei den
Konturformen des Bildausschnittes der Einladungskarte handelt es
sich um ein Bild mit einem solchen selbstreferentiellen Zug. Das
Liniengespinst stellt die Übersetzung des räumlichen Gebildes eines
verwickelten und verknoteten Schlauches oder Kabels in die Fläche
dar.
Der Alltagsgegenstand Schlauch transportiert Flüssigkeiten oder
flußartige Zustände von einem Kontext in einen anderen. In sich
verfangen führt er jedoch nur Selbstberührungen aus. Obholzer nennt
dieses Motiv der Schlauchverwicklung "Knödel". Knödel entstehen
durch bewußtes "Zusammenpappen" eines Materials zu einer räumlichen
Form. Weil Obholzer aber die Paradoxien liebt, sind seine Knödel
gebaute Unordnungen, komponiertes Chaos und entsprechen darin typischen
Wirklichkeitserfahrungen: dem Verschlungenwerden einer bewußten
Handlung von ihrem diffusen Umfeld. Graphisch hat ein Schlauch eine
lineare, als verwickeltes Konglomerat aber eine räumliche Struktur.
Das flüssigkeitstransportierende lineare Gebilde schleicht sich
als Malerei ein, indem es sich verwickelt, sich selbst berührt und
dadurch etwas von den Überschneidungen und unterschiedlichen Verschattungen
einfordert, welche nur die Malerei erzeugen kann. Es enthält die
doppelte Perspektive von Innen- und Außenansicht. Wir können nicht
in die "Adern" des Schlauches hineinsehen, jedoch sehen wir in das
Innere seiner räumlichen Verwicklung. Dieses merkwürdige Hin- und
Herspringen von Innen- und Außenbeziehung kennzeichnet auch die
menschliche Haut. Wir stecken in unserer Haut und erfahren doch
nur durch sie das Äußere der Welt. In unseren Adern pulsiert das
Leben und doch läßt es sich nur in Hinwendung zu den Verschlingungen,
den Untiefen und Unwägbarkeiten der Welt ausleben.
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