BRUNO PERRAMANT

Nach der großen Tradition französischer Malerei im 19. und frühen 20. Jahrhundert hat sich die französische Kunst schwer getan, in der Malerei neue Formulierungen zu finden. Nach einer kurzen Phase informeller Malerei in den fünfziger Jahren haben französische Künstler in den letzten Jahrzehnten ihre Gestaltungskraft anderen Medien zugewandt. Im Werk des 1962 geborenen Bruno Perramant stoßen wir auf einmal auf jemanden, der die Auseinandersetzung mit den klassischen Gattungen figurativer Malerei (Porträt, Landschaft, Stillleben, Genre) wieder sucht und der gleichzeitig das Bewusstsein der Vielschichtigkeit und Ambivalenz von Realität in seinen Bildern nicht aus den Augen verliert.
In unserer heutigen Welt hat Realität nur an ihrer Oberfläche eine gewisse Festigkeit, in ihren Tiefenschichten zerlegt sie sich in ganz unterschiedliche dynamische Gewebe. Perramants Malerei lässt etwas von den vielfältigen Unterströmungen von Realität sichtbar werden.
Seine eigenständige malerische Handschrift ist von zwei Polen bestimmt: Er benutzt zum einen virtuos den Umstand, dass das Malmaterial eine fluidale Konsistenz hat. Den flüssigen Strom der Farbe und die Bewegung des Pinsels lässt er nie erstarren, sondern hält sie auch im fertigen Bild lebendig. Zum anderen verwendet er eine harte malerische Kontur. Die Seitenbegrenzung des Pinsels setzt er gezielt ein, um Malschichten im Bild voneinander zu trennen. Beides scheint sich zunächst zu widersprechen, weil die Bewegtheit des farbigen Verlaufes an der harten Kante der Kontur ihre Grenze findet. Perramant benutzt aber gerade diese Grenze, um die Fluidalität seiner Malerei auf eine andere Ebene, in eine andere Realitätsschicht umspringen zu lassen.
Formen, Arrangements, Kräfte und Strukturen befinden sich in seinen Bildern in einem beständigen Übergang. Die Realität bleibt unabgeschlossen, vorläufig, passagenartig. Der Wahrnehmung bieten sie ganz unterschiedliche Zugänge. Perramant verstärkt dies in der Wahl seiner bevorzugten Motive: Licht, Wasser, Landschaft, Luft, Feuer, das menschliche Gesicht, der sich bewegende menschliche Körper, die Beziehungen von Personen zueinander - nirgends kristallisiert sich hier eine feste Form.
In ihrer weichen, beständig quellenden Modulation reflektieren Perramants Bilder die Instabilität medialer Bilder, ohne jedoch auf das Erlebnis des Augenblicks, des Flüchtigen oder Plötzlichen des Medienbildes reduziert zu sein. Das Potential ihres Wandels liegt nicht im Hinweis auf die Brüchigkeit von Realität, sondern in der Suggestion unterschiedlicher Realitätszustände. Sie enthalten ihre eigene Metamorphose, sie haben nicht die Veränderung verdrängt, sondern halten sie als Erinnerung an andere Möglichkeiten lebendig.

Rolf Hengesbach

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