Michael Reischs
Landschaftsbilder Rolf Hengesbach
Was meinen wir, wenn wir von "Landschaften" sprechen? Meinen wir
eine Gegebenheit draußen in der Welt oder eine Vorstellung in unserem
Kopf? Man könnte einwenden, dass dies keine wirkliche Alternative
ist, weil unsere Landschaftsvorstellungen doch durch reale Landschaften
geprägt würden. Dass dies gerade nicht der Fall ist, zeigt sich
zum einen an der historischen Enstehung und Veränderung des Landschaftsbegriffes,
zum anderen an unserer Fähigkeit, Landschaften als mehr oder weniger
"schöne" Landschaften zu bewerten, je nachdem, wie nahe sie unserem
Idealbild von Landschaft kommen. Für das jeweilige Idealbild sind
ganz andere Faktoren als die Anschauung der uns umgebenden Landschaften
maßgeblich.
Die bewusste Entdeckung und Prägung des Landschaftsbegriffes hat
sich erst in der Neuzeit (Zeitalter der Renaissance) vollzogen.
Seither hat sich in jedem Jahrhundert der Begriff gewandelt, auch
wenn die äußere Landschaft sich nur langsam verändert hat. Dies
macht deutlich, dass der Landschaftsbegriff gar nicht primär von
Landschaft selbst, sondern von unseren Lebensumständen, den Sozialbeziehungen
und der politischen Verfassung geprägt wird. Unsere jeweiligen kulturellen
Präferenzen und Lebenswünsche gehen mit ihm eine Verbindung ein.
In jüngster Zeit haben unsere technologischen Möglichkeiten, die
intensive Nutzung und Umgestaltung jeglichen zugänglichen Bereichs
auf der Erde, unsere mediale Selbstdarstellung - die Werbung mit
eingeschlossen - und die soziale Individualisierung den Landschaftsbegriff
sehr stark umgeformt. Landschaft ist nicht mehr das Furcht einflößende
Ungeheuer - wie noch im 19. Jahrhundert die Schweizer Alpen (Felsmassen,
Schnee, Wasserfälle) - noch der Raum des gemeinschaftlichen, freien
Sich-Ergehens des sonntäglichen Spaziergangs, noch das nachgestaltete
Arkadien. In der heutigen medialen Überformung hat sich "Landschaft"
von einem bestimmten bürgerlichen Kulturideal gelöst und sich stärker
einer fiktionalen Phantasiewelt geöffnet, in der biomorphe Selbstgestaltungen
eine große Rolle spielen.
Michael Reisch interessiert sich für diese Situation, in der sich
unsere Vorstellungen von Landschaft von der real wahrgenommenen
Landschaft, von Landschaft als paradiesischer sozialer Ordnung wie
auch von Landschaft als dem Ungeheuerlichen abgelöst haben. Landschaft
verselbständigt sich und wird zur Projektion fiktionaler Gestaltungen.
Wir verbinden mit ihr immer noch die Aspekte der offenen Weite und
der Vielgestaltigkeit, sie ist aber nicht mehr etwas Festes, Vorgegebenes.
In unserem phantasierenden Vorstellungsraum wird sie immer mehr
zu einer Modelliermasse, in der real gesehene Landschaft mit medialen
Landschaftsbildern und künstlichen Landschaftsanimationen von Videospielen
zu einem Gebilde zusammengeschweißt sind.
Wie so ein Vorstellungsgebilde real aussehen könnte, dies versucht
Michael Reisch in seinen Arbeiten der Serie 1/000 zu formulieren.
Sein Ausgangspunkt sind reale Landschaften, die er mit einer Großbildkamera
aufgenommen hat und die er dann am Computer bearbeitet. Er entfernt
alle erzählerischen Elemente und lässt auch alle kulturellen Referenzen
auf menschlichen Lebensraum verschwinden. Landschaft wird zu einem
Konglomerat aus sich selbst gestaltender Biomasse und sich aus sich
selbst konstruierender Topographie.
Die Photographie legt diesem künstlerischen Anliegen zwei Mühlsteine
in den Weg, die Reisch in seinen Arbeiten souverän wieder aus dem
Weg räumt:
Die Photographie erzeugt ihre Bilder an einem bestimmten Ort, zu
einer bestimmten Zeit und aus einer bestimmten Perspektive. Reisch
greift in seiner digitalen Modellierung des Bildes an genau den
Stellen ein, die Auskunft über Ort und Zeitpunkt geben könnten,
und verändert sie entsprechend. Außerdem wählt er eine solche Perspektive,
dass der Betrachter wie selbstverständlich den Bildraum betreten
und sich in ihm bewegen kann.
Das zweite Problem einer bildlichen Darstellung von Landschaft ist
die Bildbegrenzung, der Ausschnitt. Wie kann man die offene Weite
von Landschaft in die vier Grenzen eines Bildes einpassen? Reischs
Bilder haben Formate, die der Längenausdehnung des menschlichen
Körpers entsprechen. Er greift digital in die topographische Gestaltung
der Landschaft in dem Maße ein, dass er die Hebungen und Senkungen
der Landschaft zu skulpturalen Gebilden verstärkt und sie zu einem
Pendant unseres eigenen Körpers anwachsen lässt. Landschaft wird
zu einem körperlichen Gebilde, dem die Suggestion innewohnt, sie
selbst vollziehe ihre eigenen Streckungen, Dehnungen und Zusammenballungen.
Durch die Transformation von Landschaft zu Skulptur spielt ihre
grenzenlose Ausdehnung nicht mehr die entscheidende Rolle. An ihre
Stelle tritt die Suggestivität körperlicher Dominanz. Indem Reisch
Landschaft zu einer sich selbst modellierenden Gestalt macht, verstärken
paradoxerweise die Bildgrenzen den Eindruck eines eigenen Regeln
gehorchenden anderen Wesens, welches wir zu kennen meinen, das uns
aber gleichzeitig entzogen ist.
Zwei Aspekte sind für die Selbstentfaltung von Reischs Landschaft
wesentlich. Der eine ist ihre topographische Anmutung, die Modellierung
des Aufs und Abs von Bergen und Tälern. Hierfür spielt die Verteilung
und die Intensität von Licht und Schatten eine große Rolle. Insbesondere
bei den Erhebungen entsteht das Gefühl, die Berge befänden sich
noch im Prozess ihrer bedrohlichen Aufrichtung aus dem Dunkel. Der
andere ist der Charakter ihrer Weite und Offenheit. Dieser Aspekt
wird maßgeblich durch das subtile Spiel der farblichen Modulation
bestimmt. Beide Aspekte liegen in seinen Arbeiten bewusst in einem
Widerstreit. Die farbliche Modulation lässt uns an ein entromantisiertes
Arkadien denken, das Licht- und Schattenspiel in Verbindung mit
der skulpturalen Form konfrontiert uns mit der Mächtigkeit dieses
anderen Wesens Landschaft. Sehnsucht und Befremden gehen in ihnen
eine unauflösliche Verknüpfung ein.