Die Skulpturen von Stefan Wissel sind materiale Raumgebilde und zugleich Chiffren von kondensierten inneren Empfindungen. Ihre Lesbarkeit hängt davon ab, wie man das Volumen, die Materialität und den Entfaltungsraum von räumlichen Gebilden umdeuten kann auf unsere Erfahrungen, Empfindungen und Erinnerungen. Der Mensch als ein ungeschütztes Lebewesen sammelt von früh an Erfahrungen mit Schutzhüllen oder Schutzräumen, sei es in der Form von Bekleidung, Wohnungen, Häusern, Bedachungen. Er lernt, sich die unterschiedlichsten Aktionsräume zugänglich zu machen, die er für seine Bewegungen und sein Fortkommen benötigt. Jede räumliche Konstellation lässt Deutungen auf Aufenthalts- oder Handlungsmöglichkeiten zu und wird begleitet von Erinnerungen an ähnliche Situationen.

Stefan Wissels Arbeit "Playstation" besteht aus verchromten Stangen, welche zu dem Modell eines Doppelkubus zusammengefügt sind. Die Ecken sind leicht gerundet wie bei einem Bildschirm. Sie hat das raumgreifende Ausmaß von 250x250x600cm. An einer der Stangen befindet sich eine überdimensionale Fahrradklingel.

Zweieinhalb Meter ist die Standardhöhe heutigen Wohnraumes. Eine Grundfläche von 15 qm entspricht der mittleren Größe eines Schlafzimmers. Die Skulptur markiert die Begrenzungen eines nicht weiter konkretisierten Innenraumes, gleichzeitig verweist die Fahrradklingel auf den öffentlichen Außenraum. Das Fahrrad ist Synonym für äußere Freiheit und Luftigkeit. Die Klingel verstärkt dies noch. Ein Fahrrad ohne Klingel ist für Kinder kein richtiges Fahrrad. Wohin ich mich auch begebe, die Klingel setzt das hörbare Zeichen, dass ich der Mittelpunkt bin, dass ich handle. Die äußere Umgebung setzt meinem Mittelpunktsein durch unterschiedliche Formen der Beachtung und Nichtbeachtung Widerstände entgegen, mit denen ich mich auseinandersetzen muss.

Den Namen "Playstation" gibt es als Begriff erst seit Anfang der neunziger Jahre, als aus dem "Gameboy" größere, stationäre Videospielcomputer für zuhause entwickelt wurden. Solche Spiele entziehen uns dem öffentlichen Raum, sie finden in abgeschirmten Räumen statt. Es geht bei ihnen nicht um das Ausloten und Erproben von Handlungswiderständen, sondern um Aktionsmöglichkeiten, die nur im Rahmen von Spielregeln voneinander unterschieden und bewertet werden. Der private Schutzraum unserer Wohnungen dient der Ruhe und Besinnung. Hier verdichten wir in der erinnernden Vergegenwärtigung unsere sozialen Erlebnisse zu Erfahrungen. Wird dieser Raum nun vom Videospiel besetzt, so wandelt er sich von einem realen in einen fiktionalen Raum. Im Videospiel werden alle Widerstände, wird alles Gegenüber überwindbar, es gibt nur noch Möglichkeiten. Die Bedeutung des öffentlichen Raums als eines Erfahrungs- und Handlungsraumes besteht nicht mehr.

Der kubische Raum von Stefan Wissels Arbeit ist kein geometrisches Modell eines Wohnraumes, weil seine Ecken in die Rundungen eines Bildschirmes übergegangen sind. Der Raum ist gedoppelt vorhanden. Betrachtet man ihn von der Seite der Fahrradklingel, so scheint die Doppelung etwas von einem Nachhall zu haben, ein Nachhall ohne konkrete Färbung. Hat der Raum sich selbst gespiegelt, hat er sich in männlich oder weiblich, in links- oder rechtshändig aufgetrennt, ist die eine Hälfte Realität, die andere Fiktion?

Das glänzende Chrom der seitlichen Begrenzungslinien atmet etwas Immaterielles. Ihre Oberfläche sagt nichts über ihren Kern, sie spiegelt nur die Umgebung. Chrom steht für Fließen und Geschwindigkeit, in der Beschreibung eines häuslichen Schutzraumes wird es zu einem Synonym für leere, rein fiktionale Möglichkeiten.

Stefan Wissels Skulptur "Aufkirchen" erinnert von ihrer Form an ein Vogelhäuschen oder einen Briefkasten, von ihrer Größe an einen Unterstellschutz, an das Vordach für die Eingangstüre eines kleinen Häuschens oder an ein geweihtes Kapellchen am Wegesrand. Der Unterstellschutz ist nach vorne mit einer Wand verschlossen, die oben und unten eine Aussparung hat. Man kann zwar nicht hineinsehen, dafür aber eine Vorstellung vom räumlichen Volumen gewinnen, so dass man sich ausmalen kann, in dem Unterstellschutz zu stehen. Ist man von großer Statur, so sind Stirn und Haare sichtbar, ist man von kleiner Statur, so kann man nur die Schuhe und die Knöchel sehen. Suggestionen des Kinderblicks tauchen auf: Kann man sich darin so verstecken, dass auch die Füße unsichtbar werden, wie in der berühmten Szene aus dem Film "Der einzige Zeuge"? Die wetterfesten Multiplexplatten und die strenge Geometrie machen unmissverständlich klar: Dies ist ein harter Ich-Raum, der nicht viel Raum lässt, weder für Bewegungen, noch für Stimmungen oder Gefühle. Er lässt keinen Raum für Aktionen, läuft er doch nach unten hin schmal zu, so dass die Füße sich kaum bewegen können. Der Kopf hat zwar Platz, aber nur zum Luftholen. Die dunkelbraune Farbigkeit der Wände tönt freiere Vorstellungen ab und doch ist in den beiden Öffnungsschlitzen die Orientierung auf das freie Draußen vorgegeben. Die Freiheit des Vogels wird manifest in seiner unerwarteten Ankunft und seinem unerwartbaren Abflug, die Freiheit des Menschen in seinem unbestimmten Warten auf die Zukunft.

Rolf Hengesbach

Printversion

 
    Schönhauser Str.8 Köln Di-Fr 14-18.30 Sa 12-18   Ausstellungen Künstler News Home Kontakt